Bericht zur Kollision mit einem Wal: Transatlantik Yachtüberführung Catania 431, USA-Portugal

2019-09-12T21:37:54+02:00September 6th, 2019|Categories: Yachtüberführungen|Tags: , , , |

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Position 38 Grad 27 Nord und 16 Grad 13 West (etwa 370 Seemeilen westlich von Lissabon)

25. August 2019.  Von Rainer Holtorff

(zu dieser Zeit Skipper der Catana 431)

Es war kurz vor Sonnenuntergang. Wir waren auf Ostkurs. Das

Abendessen stand bevor. Es war meine Wache. Der Nordnordost

wehte mit 6 Windstärken, ließ drei Meter hohe Wellen auf uns

zurollen. Wir hatten auf das 2. Reff im Groß reduziert, das Vorsegel

nur halb ausgerollt. Wir kamen gut voran, immer wieder schoß die

Logge auf über 10 Knoten hoch. Wir hatten Nantucket vor über

3 Wochen verlassen, die Azoren vor 3 Tagen. Seitdem hatten wir

Jede Menge Wind gehabt, überwiegend von vorn. Es gab keinen

Schiffsverkehr. Vor uns war außer Wellen nichts zu sehen. 

Plötzlich tat es einen Schlag. Wir hatten viele Schläge von Wellen

bekommen auf diesem Törn, doch dieser Schlag war dumpfer, 

gewaltiger. Der Steuerbordbug wurde massiv angehoben – und

senkte sich endlich wieder. Alle stürzten aus dem Salon ins Cockpit.

Gemeinsam sahen wir das riesige Tier in unserem Heckwasser.

Ein Pottwal. Er blies immer wieder aus, wirkte angeschlagen,

getroffen. Für eine Sekunde dachte ich, wir könnten zurückfahren.

Aber was konnten wir tun? Schon verschwand der Wal achteraus, 

das Schiff hatte wieder Fahrt aufgenommen, entfernte sich mit uns. 

Wir rannten nach vorn, um zu sehen, ob der Rumpf beschädigt war,

konnten nichts erkennen, schauten in die Vorpiek, aber die war

trocken. Ich kontrollierte den Maschinenraum an Steuerbord und

musste zu meinem Schrecken feststellen, dass Wasser um die

Maschine herum schwappte. Die Bilgepumpe des Maschinenraums 

lief auf vollen Touren. Dennoch begann das Wasser dort unten zu

steigen. Die Pumpe schaffte es nicht, verstopfte. Wir reinigten ihren

Filter, aber es brachte nichts: Die Pumpe lief heiß, schien nichts mehr

zu fördern. Wir hofften, dass das Wasser nur bis zur äußeren

Wasserlinie steigen würde, aber es stieg höher. Wir bemerkten, dass

es durch Kabeldurchlässe, etwa einen halben Meter vom Boden des

Maschinenraums, in den vorderen Teil des  Schwimmers hinüber lief, 

wo sich der Wohntrakt befindet. Erst nur Tropfen, dann ein Rinnsal.

Schließlich presste das Wasser dort regelrecht hindurch. Ich versuchte

den Durchlass abzudichten, mit aller Kraft ein paar Dinge hineinzudrücken, 

aber vergeblich. Die automatische Bilgepumpe, die diesen Teil lenzen

soll, fiel nach kurzer Zeit aus, weil sie verstopfte. Wir reinigten den Filter,

aber auch dies brachte nichts. Die manuelle Pumpe, die es auch noch

gab, zog Luft. So sehr wir auch pumpten, sie förderte nichts. Das war der

Zeitpunkt, als ich zum Satellitentelefon griff und Bremen Rescue anrief – 

die Seenotleitstelle für Schiffe unter deutscher Flagge. Ein Mitarbeiter

sprach mit mir, erkundigte sich, ob wir Rettungswesten hätten. Ich sagte,

dass wir fast 400 Meilen offshore wären, dann brach die Verbindung ab.

Wenig später läutete das Satellitentelefon. Es meldete sich die portugiesische

Seenotrettung, das MRCC Lisboa. Viel Hoffnung, dass wir ein Volllaufen 

des Schwimmers und damit ein Vollaufen der Yacht verhindern

würden, hatte ich da nicht mehr. Noch immer hatten wir

um die 22 Knoten Wind und einen recht ruppigen Seegang 

von 2-3 m. Und der Wetterbericht versprach für die kommende

Zeit keine Beruhigung, im Gegenteil.

 

Es war eine sternenklare Nacht. Das Wasser stieg und stieg. Ich

bin kurzzeitig in eine Art Schockstarre verfallen, die letzten

Tage waren ohnehin anstrengend gewesen und jetzt fehlte

mir der Plan, wie wir dieses Boot vor dem oben halten

konnten. Don und Michael hatten sich in ihrer Freiwache

schlafen gelegt. Anna hatte die Wache und wollte unbedingt etwas tun. 

Sie redete davon, den Maschinenraum mit einem Eimer zu leeren.

Mir erschien diese Idee müßig. Was würde denn passieren, wenn wir

diesen Raum lenzten? Er würde doch nur wieder volllaufen! Wir

konnten doch nicht 3 Tage mit einem Eimer permanent schöpfen,

das würden wir kräftemäßig nicht durchhalten! Ich beschloss,

mich auf die Evakuierung zu konzentrieren, und sagte Anna,

sie könne ja gerne loslegen, wenn sie unbedingt wolle.

Nur mit Bikini und Eimer bewaffnet kletterte sie kurzerhand in

den Maschinenraum und fing an, Eimer für Eimer Wasser 

durch die offene Luke nach außen zu gießen, während die Wellen

am Heck gurgelten und zischten und zu ihr hereinzurollen drohten. 

Über eine Stunde arbeitete sie im schwappenden Öl-Salzwassergemisch,

(irgendwann begann ich die Eimer anzunehmen und zu leeren), dann

hatte Anna den Maschinenraum gelenzt. Gemeinsam betrachteten

wir die Ursache des Wassereinbruchs: Einen Bruch im Laminat des

Rumpfes, etwa über dem Skeg. Der Wal musste mit Wucht an dieser

Finne hängen geblieben sein. Ich versuchte mit einem Hammer Lappen

und Plastiktüten in den Riss zu treiben, aber das Wasser bahnte sich

immer wieder seinen Weg. Es war nichts zu machen: 

Mit Bordmitteln würden wir dieses Leck nicht abdichten können! Also

mussten wir das Wasser permanent herauspumpen. Da alle anderen

Pumpen ausgefallen waren baute ich eine verbliebene Duschpumpe

zur Ersatzbilgepumpe um – und siehe da: Diese Pumpe schaffte es,

das Wasser im Maschinenraum am Boden zu halten. Zum ersten Mal

seit der Kollision mit dem Wal hatten wir Zeit gewonnen. 

Es war bereits Morgen. Völlig entkräftet fielen wir in die Kojen. Don

und Michael übernahmen. Glücklicherweise hatte sich an Bord noch

eine kräftige Ersatz-Bilgepumpe gefunden, die die beiden 

verkabelten, mit Filter und Schläuchen ausstatteten und im Maschinen-

raum installierten. Als die erste Pumpe bereits  schwächelte, weil sie im

Dauereinsatz zu heiß geworden war, begann die neue Pumpe ihren Job

zu übernehmen. Während dies alles geschah rauschten wir mit halbem

Wind gen Osten, die Küste war noch über 300 Seemeilen entfernt. Das

MRCC Lisboa erkundigte sich alle 6 Stunden danach, wo wir uns befanden,

und ob alles in Ordnung war an Bord. Wir stellten wieder so etwas wie

eine Bordroutine her, zu der das regelmäßige Lenzen des Maschinen-

raums gehörte: Jede Stunde musste der Wachhabende dort hinein

klettern (was bei dem Seegang ziemlich gefährlich war) und die

Pumpe anstellen. Nach etwa 20 Minuten musste die Pumpe

wieder ausgestellt werden. Leider frischte der Wind immer 

noch auf, was mir Sorgen bereitete, da ja die Kräfte die auf den

Rumpf und den Skeg wirkten, immer größere wurden. Der Vorteil 

war, dass wir uns der Küste zügig näherten. Nur mit einer Maschine

wäre der Kat auch schmerzhaft langsam gewesen. Unter Segeln

schafften wir Etmale um die 180 Meilen. 

In der letzten Nacht segelten wir mit raumen Wind und gutem

Speed nördlich des riesigen Verkehrstrennungsgebietes Sagres

auf das Kap Sao Vicente zu. 

Am Morgen des 28. August erreichten wir den Hafen von Portimao

aus eigener Kraft. Ein Taucher, ein Polizeiboot und der

Sachverständige der Versicherung erwarteten uns. Nachdem der

Rumpf durch den Taucher untersucht war, sind wir gleich in den

Travellelift gefahren, wurden aus dem Wasser gehoben und an Land

gestellt. Als wir mittels einer Leiter von Bord kletterten, staunten

wir nicht schlecht: Beide Seitenschwerter sahen aus wie abrasiert.

Und am Heck, genau dort, wo der abgebrochene Skeg zu einem

Burch des Laminats geführt hatte, lief das Wasser nun aus der Yacht

heraus, wie es vorher hineingelaufen war.

Der Sachverständige der Versicherung kommentierte, dass der

Wassereinbruch unkontrollierbar geworden wäre, falls es den Skeg

ganz weggerissen hätte. Wie durch ein Wunder

war dies nicht geschehen…

 

 

 

 

 

 

 

 

Transatlantik Überführung Yacht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wassereinbruch im Katamaran nach Walkollision

 

 

Erschöpfte, aber glückliche Crew: Nach 3.500 Seemeilen und spezieller Gefahrenlage.

Wal-Kollision Yacht

Abgebrochene Seitenschwerter auf beiden Seiten des Katamarans

 

Diese Webseite benutzt cookies and third party services. Einstellungen Ok

Diese Seite benutzt plugins von Facebook und Youtube

Sie können diese Skripte deaktivieren. Dann werden Ihnen einige Inhalte nicht mehr angezeigt ( Facebook News auf der Blogseite und Youtube Videos auf der Media Seite )

diese Seite benutzt Tracking Cookies

um unsere Seite und die Werbung für Sie zu verbessern, benutzen wir Tracking Dienste. Damit werden Daten die Sie hinterlassen ( für details siehe Datenschutz Seite ) gespeichert und ausgewertet. Wenn Sie dies nicht möchten deaktivieren Sie die Tracking Cookies